Mi
05
Jan
2011
Auf der Suche nach dem Schuhschnabel
Wir sind immer noch beim ZIWA Rhino Sanctuary. Heute steht nicht das graue Nashorn sondern ein grauer Vogel im Mittelpunkt: der Schuhschnabel.
Der grosse Vogel, der zu den Störchen gehört, ist sehr scheu und man kann ihn nur noch an ganz wenigen Orten in Afrika bestaunen. Einer dieser Orte ist der Sumpf gleich beim ZIWA Rhino Sanctuary. Wir wünschen uns so sehr, dass wir ihn zu sehen bekommen – vielleicht zu sehr, wie sich später rausstellen wird.
Um sechs Uhr geht der Wecker, noch ne halbe Stunde dösen und dann geht’s los. Fast pünktlich um fünf nach sieben sind wir im Headquarter, unser Guide kommt um 7.15h und wir fahren los zum Sumpf. Zuerst gibt es eine Stunde Off-road fahren und Weg suchen, da es viel Wasser hat und die Strasse teilweise wegerodiert ist. Dann erreichen wir den Sumpf. Ein paar Einheimische bestätigen, dass am Morgen zwei Schuhschnäbel hier am Rand des Sumpfes waren. Leider haben sich die Vögel bereits in den tiefen Sumpf zurückgezogen. Neben einem Woodland Kingfisher und ein paar wenigen anderen Vögeln entdecken wir nicht sehr viel. Den Rückweg finden wir schneller, da wir unseren eigenen Spuren folgen können. Auch ein Ausflug zum Sumpfgebiet vom Vortag in der Nähe des Headquarters bringt keinen Schuhschnabel-Erfolg. Es war trotzdem schön durch den Sumpf zu wandern und die Natur einzusaugen.
Das Wetter ist seit drei Tagen herrlich, tagsüber sehr heiss, abends warm und nachts kühl. Die Ruhe, das Wetter, der Ort alles fühlt sich nach Ferien an. Wir lassen es offen noch länger zu bleiben. Morgen wollen wir nochmals unser Glück mit dem Schuhschnabel versuchen.
„Birders“, diese Spezies wird hier in Afrika sehr ambivalent betrachtet, auch von uns. Nur schon die deutsche Übersetzung ist etwas suspekt „Vögler“ . Es sind oft Leute wie Briefmarken- oder Kaffeerahmdeckelisammler, etwas ulkige Zeitgenossen, rennen sie durch Afrika, blind für die allgemeine Schönheit, und jagen die Vögel meist nicht um diese zu sehen, sondern um Listen zu kompletieren. Doch wie wir auch feststellen müssen, sind Birders eben nicht immer Birders. Meist grenzen sich die Gemässigten von den Fundamentalisten ab indem sie sagen „we are bird and nature lovers“. Wir gehörten bislang eher in die dubiose Bird and Nature Lovers Kategorie. Nun schleichen sich aber bei uns bereits komische Verhaltensmuster der Birders ein. Einmal mehr stehen wir vor Sonnenaufgang auf, um nochmals nach einem einzigen Vogel zu suchen. Doch der Schuhschnabel ist eben doch kein Vogel wie jeder andere, zumindest in unsrer Terminologie – oder wir sind infiziert durch das Vogeljagdfieber. Fast pünktlich geht’s los, mit unserem neuen Guide Opio und mit Gummistiefeln ausgerüstet fahren wir zu den nahegelegenen Sümpfen. Hier waten wir Stiefeltief durch den Sumpf, es ist ein Abenteuer für sich. Wir finden auch die Fussabdrücke des gesuchten Vogels, aber der Vogel selbst zeigt sich nicht. Geduldig warten wir auf einer Insel und beobachten die Sumpflandschaft. Wir sehen einen African Hawk Eagle, eine Gans und den Black-headed Gonolek (wir sind nun wirklich Birders) aber keinen Shoebill. Nach einer erfolglosen Stunde oder so fragt uns Opio, ob wir noch zum weit entlegenen Sumpf fahren möchten? Natürlich wollen wir noch. Wieder eine Dreiviertelstunde Offroad, wir kennen ja jetzt den Weg und die tückischen Stellen. Am Ankunftsplatz warten einige Locals auf die Boote, welche die Milch über den Sumpf transportieren. Ob sie den Shoebill gesehen haben? Ja, natürlich, wie immer war er vor 15 Minuten da. Einer will uns zum Shoebill führen, denn er wisse wo er ist. Nach dem üblichen afrikanischen hin und her und rumstehen sagt unser Guide Opio, David, der Local wolle dies natürlich nicht gratis machen. Wir bieten nach Beratung mit Opio 5000 Shilinghi (= 2,5 $) was relativ viel ist. David, der Schiffermann will nun aber 50'000 Shilinghi, was bei uns zu grosser Heiterkeit führt. Wir antworten, wir seien zwar Muzungus (Fremde, so werden alle Weissen in Afrika genannt) aber nicht ganz blöd; so kommen wir nicht ins Geschäft. Opio übersetzt und wir sind bereit zu gehen. Unsere letzte Offerte an David: 5000 plus 5000 Erfolgsprämie, wenn wir den Vogel sehen. Ein grosser Fehler, wie sich später herausstellt. David merkt, dass es uns ernst ist und willigt ein. Wir fahren ein Stück weiter entlang des Sumpfes und dann geht’s zügig zu Fuss weiter. Er war hier, er war hier, doch die Betonung liegt auf war. David mag nicht auf seine Provision verzichten und wir marschieren immer weiter in den Sumpf. Es wird uns zu heiss und wir entschliessen uns schliesslich zur Umkehr – wieder kein Shoebill. Der Vogel sei immer zwischen 17.00h abends und 9.00h morgens hier, versichert uns David. Wir überlegen hin und her, ob wir morgen früh nochmals kommen wollen. Unser Deal steht noch, David soll uns anrufen, wenn der Vogel am Abend kommt, dann fahren wir morgen früh nochmals her.
Zurück auf dem Camping sind wir ziemlich erschöpft und etwas traurig, den seltenen Vogel nicht gefunden zu haben, aber wir beschliessen, die Suche aufzugeben. Wir sitzen so rum und erholen uns noch von der morgendlichen Suche, als Opio kommt und sagt, dass die Locals den Shoebill gesehen haben und ob wir nochmals dahin fahren wollen. Natürlich wollen wir. In zehn Minuten sind wir abfahrtbereit und ich fliege über den Offroadweg, in 30 Minuten sind wir da. „Chop chop“ (schnell, schnell) nicht wie in Afrika üblich „pole pole“ (langsam langsam) hetzen uns die Locals, den David ist nicht mehr allein. Vier Schwarze rennen voraus, bis wir auf zwei weitere treffen, und ein paar hundert Meter weiter steht der....Shoebill. Sooo gut, ursprünglich und altertümlich steht er da. Vorsichtig nähern wir uns ihm. Zwischendurch wird mein Fernglas von Hand zu Hand gereicht und die Locals bestaunen ihren Vogel. Ich betrachte es als Ausbildung zum Schutz der Natur, aber irgendwann möchte ich meinen Feldstecher zurück und Nathaly und ich gehen noch näher heran. Ein unbeschreibliches Gefühl. Als sich die selbsternannten Führer auch nähern, fliegt der sensible Vogel davon.
Auf dem Rückweg steht die Bezahlung an. Wir wollen wie abgemacht die zweiten 5000 bezahlen. Es gibt lange Gesichter, dies sei zuwenig, sie seien ja so viele. Wir diskutieren und beschliessen, das Angebot auf 10'000 zu erhöhen. Dies sei immer noch zuwenig, moniert der Wortführer, welcher etwas alkoholisiert scheint, sie hätten ja schliesslich den Vogel von der anderen Seite des Sumpfes hierher jagen müssen. Wir glauben, wir hören nicht richtig und sind sehr verärgert, Nathaly ist fast schon furios. Ich nehme ihm die 10'000 Note weg und erkläre ihm, dass wir nicht für Vogeljagen bezahlen. Eine heftige Diskussion geht los und Opio unser Guide erklärt ihnen klip und klar, dass der scheue Vogel verschwinden wird, sobald man ihn zu sehr stört. Dann kommen auch keine Touristen mehr und das ganze macht keinen Sinn. Ich erkläre ihm auch, dass er die Kuh nicht schlachten muss um sie melken zu können. Die Locals versprechen uns den Vogel nicht mehr rumzuscheuchen und wir wollen fair sein. Wir geben die 10'000 an David, denn mit ihm haben wir einen Deal. Er hat sich übrigens extra hübsch angezogen und macht den Eindruck eines Businessman. Er bezahlt seine Helfer mit kleinen Scheinen und Münzen und wir nehmen ihn ein Stück weit in unserem Landrover mit. Ich glaube er muss etwas vor seinen Kollegen flüchten, bis sich die Situation abgekühlt hat. Opio nimmt ihn nochmals ins Gebet und er verspricht uns, er werde es seinen Kollegen nochmals erklären.
Dann sagt auch Opio, er hätte einen Fehler gemacht, soviel Geld und Druck auf den Vogel zu setzen. Wir alle haben eine Lektion gelernt, denn eigentlich war es ja unser Fehler für das Erspähen des Tieres ein Kopfgeld auszusetzen. Wir können froh sein, dass die Locals den Vogel nicht eingefangen haben. Mit der Erkenntnis, etwas gelernt und auch eine Lektion gelehrt zu haben, können wir das Erlebnis wieder geniessen und freuen uns riesig. Das zwiespältige Abenteuer wird mich noch zwei Nächte lang in meinen Träumen verfolgen, aber heute freuen wir uns einfach über diesen unglaublichen Vogel.
