Fr

24

Dez

2010

Etwas schwermütige, doch gemütliche Weihnachten

Heute ist Weihnachten, wir wissen nicht genau, was wir davon halten sollen, weg von der Familie im warmen, sonnigen Afrika.

Wir haben schlecht geschlafen, der Touristen-Guide einer walisischen Familie hat sein Zelt gleich neben unserem Auto aufgestellt und dann mitten in der Nacht ewig ein lautes Telefongespräch geführt, bis Gü aufgestanden ist, um ihm zu sagen, dass wir versuchen zu schlafen und er aufhören solle zu telefonieren. Das ist nicht das erste Mal, dass wir die local guides so erleben. Privatsphäre und das Bedürfnis nach Ruhe sind zwei Dinge, die in Afrika schlicht weg nicht existieren.

Die Engländer, das sind zwei junge Mädels um die 20 und die Eltern der einen. Die jungen Frauen haben für 6 Monate ein Voluntariat hier im Ort gemacht und angeblich diese community campsite aufgebaut – schwer zu glauben. Wir haben kaum je in unserem Leben zwei solche Trantüten gesehen wie die beiden. Der Vater ist cool, fröhlich und gesprächig, die Mutter schweigt.

Wir geniessen die Morgenstunden bei Tee und spätem Frühstück, beeinander sitzend und doch jedes Pärchen für sich. Reto bereinigt Fotos, wir lesen und schreiben Tagebuch und Barbara kocht Kartoffeln für das Weihnachtsessen, was ich später auch noch mache. Zwischendurch unterhalten wir uns mit dem Mann aus Wales, ein echt symphatischer Kerl und so völlig anders als der Rest der Familie.

Gegen 14h machen wir uns auf den Weg ins Dorf. Wir wollen ein paar Dinge einkaufen und dann einen Drink nehmen in einer Lodge mit dem super Ausblick auf die Ebene. Letztere ist wirklich ein Schmuckstück. Wir haben die grasgrünen, gewellten Hügel vor uns, die Terrasse ist luftig und geschmackvoll eingerichtet, das Stoney lecker kühl und dann marschieren auch noch zwei Elefanten unten durch die Ebene – ein würdiger erster Weihnachtsapéro. Auf dem Rückweg wollen wir Brot, Gemüse und Bier kaufen, die beiden Bs gibt’s aber Gemüse ist rar. Dafür werden am Strassenrand eben geschlachtete Rinder in Stücke gehackt und geschnitten und gleich vom Holzpflock weggekauft. In vielen von uns bereisten Ländern wir das Fleisch nicht abgehangen sondern sofort verkauft und verarbeitet. Das macht es oft zäh und so sind wir mehrheitlich vegetarisch unterwegs. Metzgereien sind oft kleine Hütten oder ein Holzpflock unter einem Baum, wo das Tier in den Baum gehängt und Stückweise abgeschnitten wird. Der Grund für diese Verkaufsart ist die mangelnde Kühlmöglichkeit, ein weiterer Grund für uns, lokal kein Fleisch zu essen, denn unsere Bauch-Flora ist nicht dagegen abgehärtet.

Wir kehren zurück zu unserer Campsite und bereiten ein Plättli vor, mit Käse und Aufschnitt, sogar Pancetta, mit Kichererbsen Salat, mit leckerem Brot von Reto’s Kampala Ausflug, mit Oliven und gewürztem Olivenöl zum Tunken. Reto steuert eine Flasche seines Lieblingsweissweins von der Buketttraube bei. Ich habe eine Weihnachtsbaumgirlande und ein paar Weihnachtskugeln aufgehängt (siehe Foto). Wir schlemmen und jassen und es ist super gemütlich und tröstet darüber weg, dass wir weit weg von der Familie und an der Wärme statt im Schnee sind. Bald wird es zu dunkel, um zu jassen und wir braten eine leckere Butterrösti als Weihnachtsessen. Nach dem Abendessen setzen wir uns vier um das kleine Feuer, das die Caretaker jeden Abend anzünden. Ich nötige unsere kleine Gruppe dazu, Weihnachtslieder zu singen. Dazu habe ich das Flötenbuch mit Weihnachtsliedern vorgeholt. Das mit der Flöte hat ja nicht geklappt, weil ich mich nie traute zu üben. Aber die Texte haben wir und so wählt jeder ein Weihnachtslied aus und singt den Hauptanteil, während die anderen mitbrummen und –summen. Etwas später setzt sich die Walisische Familie zu uns ans Feuer. Wir singen gemeinsam Weihnachtslieder, mit der Gitarrenbegleitung durch den Vater. Die Mädchen sind wie immer stumm. Die Mutter hat eine superschöne Stimme und taut sichtlich auf. Nach einem Durcheinander von deutschen Weihnachtsliedern und englischen Christmas carols wechseln wir zu Rock und Pop von den 60-ern bis in die 80-er Jahre. Es macht superspass, Reto ist ganz Feuer und Flamme und Gü singt sehr gefühlvoll und immer mutiger mit.

Wir haben unsere Familien den ganzen Tag vermisst, und doch haben wir es geschafft, einen wirklich schönen Weihnachtabend-Tag zu erleben. Gleichzeitig wünsche ich mir und uns, dass ab morgen das Heimweh wieder abklingt.

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