Sa

23

Okt

2010

Independance Day Pre-Celebrations - wir mitten drin

Wir verlassen heute die Liuwa Plains, denn wir wollen die Einladung von Charity annehmen und mit ihr im winzigen Nest Kalabo den Pre-Independence-Day feiern.

Wir sind schon ein bisschen traurig, diese unbeschreiblich schöne Landschaft zu verlassen, doch das gehört zum Reisen dazu und so saugen wir auf unserer Abreise noch all die Schönheit ein.

In Kalabo treffen wir Charity, sie kommt auf einem coolen Quadbike angerauscht und führt uns zu unserem Campingplatz, ein paar kleine Chalets mit Bad. Wir mieten eines davon für kein Geld, so haben wir ein eigenes Bad und können trotzdem in unserem eigenen Landrover Bett schlafen.

Wir verabreden uns mit Charity für 19.45h, da die Festlichkeiten um 20h losgehen sollen. Tja, um acht ist sie nicht da und wir beschliessen alleine zum Festplatz zu gehen, vielleicht ist sie ja schon dort. Es soll eine Miss Independance Wahl geben, ihre Tochter macht als Jüngste auch mit, und wahrscheinlich hat Charity anderes zu tun, als uns zu betreuen. Zusammen mit vielen Locals gehen wir durch die dunkeln Strassen, ganz Kalabo hat keine Strassenbeleuchtung. Zu Beginn ist es gewöhnungsbedürftig, doch dann entspannen wir uns, die Leute sind freundlich und freuen sich, wenn wir sie in Lui grüssen, ihrer lokalen Sprache. Wir sind fast die ersten auf dem Platz, eigentlich ein Schulhof, der für solche Feste umgestaltet wird. Gegenüber dem Eingangstor stehen drei Reihen Stühle, die Plätze für die geladenen Gäste, wie sich später herausstellt. Es ist noch gar nichts los ausser dass laute Musik spielt, das Musikvideos auf der Grossleinwand gezeigt werden und die Dorfjugend rumlümmelt. Wir wollen schon wieder gehen, da heisst uns ein gepflegt angezogener Mann willkommen und bittet uns, auf den Stühlen Platz zu nehmen. Er will uns in die erste Reihe setzen, wir wählen die zweite, es ist ja schon merkwürdig genug, dass wir uns da hinsetzen sollen. Wir warten auf Charity. Die Stuhlreihen füllen sich, allerdings bleibt die erste Reihe leer, zuvorderst will niemand sitzen. Als es keine Plätze in zweiter und dritter Reihe mehr gibt, werden die Stühle aus der ersten Reihe einfach nach hinten geholt und schwups sitzen Gü und ich zuvorderst. Charity ist inzwischen auch eingetroffen. Sie freut sich riesig, dass wir da sind und nimmt gleich neben uns Platz, wir sind erleichtert, es sei ganz richtig so, dass wir hier sitzen sollen. Sie ist in langem, eleganten Kleid wie viele andere der Gäste auch. Wir fühlen uns etwas schäbig in unserer Safari-Kleidung, dabei hätten wir doch auch ein Kleid und ein schönes weisses Hemd dabei – verpasste Gelegenheit, schade. Sie muss herrlich lachen, als wir ihr erzählen, dass wir seit acht Uhr hier sind, damit sei doch African Time gemeint, also etwa 2 Stunden später. Tja, jetzt wissen wir das.

Charity ist total aufgeregt, weil ihre Tochter jetzt dann gleich in die Miss Independence Wahl startet. Der Hof ist inzwischen gepackt voll, wir sind die einzigen Weissen, zwei Stühle neben uns sitzt auf einer Art Sofa-Tron der Guest of Honor, irgendein Regional-Politiker. Als er ankommt, heisst es über das Mikrophon „please stand up for the guest of honor“. Er kommt und schüttelt den Leuten gleich neben dem Tron die Hand, das heisst auch Gü und mir! Wir wissen gar nicht, wie uns geschieht. Charity freut sich.

Dann geht es los mit der Wahl. Es ist ein unglaubliches Erlebnis, 8 vollkommen unterschiedliche junge Frauen und 2 junge Männer zeigen ihre Tanz-Künste und modeln durch den Hof zu Themen wie „am Strand“, „Business Woman“ oder „Einladung zum Abendessen“. Die Menge tobt und johlt. Charity’s Tochter macht es wirklich super, mit einer Seriosität und einem selbstbewussten Charme, der ihr kindliches Aussehen vergessen macht. Immer wenn die Teilnehmer sich umziehen, tanzt die Jugendlichen ausgelassen im ganzen Hof, soviel Freude, Lebendigkeit und Wildheit, es ist ein unvergessener Anblick. Die Jury zieht sich zurück und wir warten gespannt auf den Entscheid. Inzwischen ist es fast Mitternacht, jetzt komme der wichtigste Moment des Abends, die Nationalhymne und der Fahnenaufzug. Wir erheben uns, alle bereit um die Nationalhymne zu singen ... und die Musik stirbt ab. Die Stromversorgung scheint unterbrochen. Es gibt eine kurze Aufregung und der Organisator kommt mit verzweifeltem Blick zu Charity „what shall we do now?“. Charity meint ohne zu zögern „we sing without the music, of course“. Es bestätigt uns, was wir schon die ganze Zeit gedacht haben, Charity ist die graue Eminenz im Ort und weiss immer eine Lösung. Und so geschieht es dann auch. Gü und ich bekommen Hühnerhaut, so bewegend ist es, mitten in diesen Menschen zu stehen, die alle laut und stolz ihre Hymne singen. Dann soll die Fahne hochgezogen werden. Ein Mann in Unform – wohl sein wichtigster Moment im ganzen Jahr - schreitet würdevoll mit der gefalteten Fahne zum Mast, fädelt sie ein und zieht sie hoch. Er gibt ihr einen Ruck – und die Fahne stürzt wie ein Stein zu Boden. Ein Aufschrei in der Menge, ein kleiner Tumult, „was nun? Die Leine ist oben, die Fahne ist unten“. Zur grossen Erleichterung aller klettert ein junger Mann mutig die Stange hinauf und fädelt die Fahne wieder an der Leine ein.

Inzwischen hat die Jury entschieden, grosse Spannung kommt auf, erst werden der dritte und zweite Platz verkündet und dann die Siegerin – es ist die Tochter von Charity! Wir sind alle begeistert, hüpfen und klatschen, werden von Charity umarmt, die dann auch losrennt und ihre Tochter drückt und Gratulationen von rundum annimmt. Kurz darauf ist das Fest vorbei, die Musik aus und die Menschen alle auf dem Heimweg. Wir verabschieden uns herzlich von unserer Gastgeberin und sind auf dem Heimweg noch ganz durchdrungen von den Ereignissen, an denen wir teilnehmen durften. Unvergesslich.

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